Sächsische Zeitung
vom 10. März 2001
Der Weg zum Sternchen
Online-Datenbank für künftige Film- und TV-Darsteller / Kontakte mit Fernsehfirmen versprechen Erfolg
Von Jens Pabst
"Na, wer weiß, vielleicht wird es ja wirklich was." Oliver dreht sein Gesicht zur Digitalkamera und versucht, filmreif zu grinsen. In wenigen Tagen wird das Foto im Internet zu sehen sein, aber nicht nur so zum Spaß: Oliver und etwa 130 andere Dresdner haben sich für eine Online-Datenbank aufnehmen lassen, aus der sich Film- und Fernsehproduzenten einmal die passenden Komparsen, Kleindarsteller, Jungschauspieler oder ihren Moderatorennachwuchs suchen sollen. "Gewinnen heißt mehr als nur siegen!" ist auf Olivers T-Shirt gedruckt.
Erweist sich das Kandidaten-Portal im Netz als erster Schritt auf dem Weg nach oben, wo die Gewinner des Filmgeschäfts wie Sterne strahlen? So richtig glaubt der 18-Jährige nicht daran, aber vielleicht klappt es ja. Mike am Nachbartisch - modische Frisur, weißer Pullover, Ohrring - weiß von seiner Chance und lächelt professionell in die Kamera. Erst das zweite Bild stellt ihn zufrieden.
Interaktives Portal statt Gesichter-Galerie
Ulla Jürgensen, Geschäftsführerin der Datenbank "CastingPartner" sieht für ihre Geschäftsidee und für wirklich an Filmrollen Interessierte eine strahlende Zukunft. Allerdings sind Auswahl-Seiten für Schauspieler im Netz der Netze nichts Neues.
Meist werden sie von Agenturen als eine Art Galerie für Berufsdarsteller kreiert oder sind auf den Bedarf an schönen jungen Menschen für Werbefeldzüge ausgerichtet. Jürgensen will ihr Portal aber anders verankern: interaktiv. Zum einen gehört dazu der direkte Kontakt, den sie mit Firmen wie Columbia TriStar, VOX oder dem WDR aufgenommen hat. Diese haben Zugang zu den Fotos und Kurzbeschreibungen, geordnet nach speziellen Rubriken, je nach Interesse der Kandidaten. Zum anderen können die Kandidaten jederzeit an ihre Daten heran und sie abändern, beispielsweise wenn sie statt Talk-Show-Gast lieber in einer TV-Serie mitspielen wollen.
Einige der um ein Foto fürs Internet gebetenen Dresdner winken ab. Gegen eine Filmkarriere hätten sie nichts einzuwenden, aber gegen ihr Bild im World Wide Web. Jürgensen hat ein Gewinnpaket geschnürt und verlost zur Markteinführung eine Kanada-Reise für das schönste Gesicht unter den Abgelichteten, ermittelt durch Internet-Nutzer. Constanze lockt der Gewinn vor die Linse. Es ist schon ihr viertes Foto im Web, auf verschiedenen Seiten. Sie reizt der Spaß, nicht der Blick zu den Sternen.
Wer wirklich zum Showbiz will und es über die Datenbank versucht, fällt vielleicht bei Filmpool auf, wo unter anderem die Serie "Richterin Barbara Salesch" besetzt werden muss. Filmpool will das neue Angebot testen. Dort lockt vor allem die Möglichkeit, online in Ruhe nach geeigneten Kandidaten für kleine Rollen zu suchen. Bisher werden Anzeigen geschaltet und hunderte Einsendungen mühsam nach Passendem durchforstet. Da sei die Ordnung in der Datenbank ein großer Vorteil. Thomas Luzar, bei VOX unter anderem mit dem Moderatorennachwuchs beschäftigt, ist von der Idee begeistert, der großen Auswahl wegen: "Das ist eine Bereicherung für Medienschaffende." Aber noch läuft nur die Testphase und Genaues kann er daher nicht sagen. Bei der Pressestelle von Columbia TriStar hält man sich noch bedeckter, kann sich aber das Internet als neues Arbeitsmittel generell vorstellen. Bisher werden nur Agenturen genutzt. Testen will man die Datenbank beim Besetzungsbüro Fernsehen des WDR. Dort wird Professionalität erwartet, kommt doch Ulla Jürgensen selbst aus der Branche und hat an "Big Brother" mitgearbeitet.
Der Weg nach oben kostet fünf Mark.
Wer bisher im Fernsehen mitmischen wollte, so wie Uta und Doreen aus Dresden bei der Kandidaten-Show Andreas Türck, muss zufällig Anzeigen oder gezielt Aufrufe zur Bewerbung in den Sendungen finden. Letzteres fanden die beiden zwar. Dann mussten sie aber viele Anrufe über sich ergehen lassen und verschiedenen Mitarbeitern immer wieder erzählen, was sie für Menschen sind, was sie wollen und können. Das würde Ulla Jürgensen gern vereinfachen. Die Homepage ihrer Firma ist so aufgebaut, dass Produktionsfirmen oder auch Agenturen finden, was sie suchen. In seiner Vita online kann jeder Kandidat schon einen recht genauen persönlichen Eindruck hinterlassen.
Wer wirklich eine Rolle finden will, wird auch die fünf Mark im Monat nicht scheuen, um sich an dieser "Schnittstelle zwischen Fernsehkandidaten und Fernsehschaffenden", wie Jürgensen sagt, einen Platz am Weg nach oben zu sichern - in der Hoffnung, dass Sternenjäger das Internet als himmelweiten Unterschied zu unsortierten Postbergen sehen und nicht nur zum kostenfreien Testen auf die CastingPartner-Seite stoßen.
www.castingpartner.de
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