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Interview mit der transgender Schauspielerin Lili Collins

CP: #actout: 185 Schauspieler*innen haben sich im Februar 2021 in der Süddeutschen Zeitung geoutet als schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nicht-binär und trans."Wir sind schon da". Mit dabei sind einige prominente Namen, etwa Ulrich Matthes, Mavie Hörbiger, Ulrike Folkerts u.v.a. Was hat dich dazu bewegt als transgender Schauspielerin in die Öffentlichkeit zu gehen?

Lili Collins: Ich habe in diesem Punkt lange gehadert, bin aber zu dem Entschluss gekommen, damit nicht mehr zwingend hinter dem Berg zu halten.
Heute, wo so viel mehr über die Thematik gesprochen und offen diskutiert wird und auch die Medien immer mehr aufgreifen, möchte ich meinen Teil zur Enttabuisierung und damit Destigmatisierung von LGBTQ beitragen. Ich halte es für wichtig, daß hier mehr und mehr Aufklärung, auch gerade durch Betroffene betrieben wird.
Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft an den Punkt kommen, an dem wir keine Adjektive wie schwul, lesbisch, trans oder queer mehr brauchen, weil es einfach normal und selbstverständlich geworden ist. An einen Punkt, an dem wir alle begreifen, dass jedes Lebewesen einzigartig und gleichwertig ist. Und ich sage bewusst 'Lebewesen', denn gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Zwitterwesen finden sich auch im Tierreich.
Wenn mich heute jmd fragt, ob ich hetero oder lesbisch oder trans bin, sage ich immer, ich bin in erster Linie Mensch.
Jeder Mensch ist mit Eigenschaften auf die Welt gekommen, die er/sie sich im Zweifel nicht ausgesucht hat, mit denen er/sie teilweise sogar selber hadert oder im besten Falle akzeptiert hat.
Jeder ist ein Unikat. Die Erfahrungen, die ein jeder in seinem Leben sammelt, die Päckchen, die ein jeder irgendwann  zu tragen hat, dass erst macht uns  im Laufe des Lebens zu dem, was wir heute sind.

Wir alle sind Menschen, haben Träume, Ängste , Stärken, Schwächen, Ziele, Hoffnungen und Enttäuschungen.
Wir sollten uns verstehen und uns in gemeinsamem Geiste unterstützen.

CP: Ein Rückblick: du warst früher Stewardess, Fluglotsin und Personalleiterin/Führungskraft/Ausbilderin bei der Lufthansa.
Dann hast Du als Bestatterin gearbeitet, als Lektorin in der evangelische Kirche und als Schöffin  im Gericht.
Und Busfahrerin im ÖPNV Berlin warst Du auch.
Was hat dich dazu gebracht so viele Berufe zu haben
?

Lili Collins: (lacht) Ja irgendwie war ich schon immer ein Tausendsassa.
Aber im Ernst. Ich war lange Zeit unentschlossen, was ich überhaupt machen möchte.
Ich hatte einfach unglaublich viele Interessen und das richtige herauszufiltern, hat seine Zeit gedauert.
Zu meinem ersten Beruf Stewardess bin ich im Grunde gekommen wie die Mutter zum Kinde.
Ich war von Anfang an sehr stark geprägt durch meinen Vater, der ein wahrhaftiger Luftverkehrs-Fan war.
Viele gemeinsame Ausflüge und Reisen weckten auch in mir diese Leidenschaft.
Eigentlich wollte ich Astrophysik studieren, aber das kam aufgrund meiner bescheidenen Mathematik Note nicht in Frage. Darum bin ich dann in die Fliegerei gegangen.
Um mir die Hörner abzustoßen und selbständiger zu werden, entschloss ich mich nach der Matura ein halbes Jahr in die USA zu gehen.
1989 begann ich dann in Berlin bei der Lufthansa.
Neben Stationen beim Check-in, der Fracht usw. arbeitete ich einige Zeit als Flugbegleiterin, entschied mich dann aber doch dazu,
in den Bereich Dispatch zu wechseln. Schließlich war ich viele Jahre als Flugdienstleiterin in Berlin Tegel tätig bis Lufthansa die Station schloss.
Nach einer Anstellung bei einem Bestattungsunternehmen landete ich schlussendlich bei den Berliner Verkehrsbetrieben.
Dort ging ich einer vierjährigen Tätigkeit als Busfahrerin im ÖPNV nach, wechselte aber dann aufgrund meiner F?hrungserfahrung in den administrativen Bereich
und arbeitete als Gruppenleiterin im Fahrbetrieb. Im Rahmen meiner Führungspositionen bei LH und der BVG war ich unter anderem auch für Einweisungen, Seminare und Schulungen verantwortlich.

Lili Collins: Mein Engagement in der Kirche war ursprünglich aus der frühkindlichen Vision geboren, einmal Pfarrerin zu werden.
Während meiner Arbeitslosigkeit wollte ich unbedingt aktiv bleiben und etwas Sinnvolles für die Gesellschaft tun. Ich fing wieder an, zum Gottesdienst zu gehen und habe mich an meinen Pfarrer gewandt und ihn nach Vorschlägen gefragt . Er hat mich dann an ein Hospiz vermittelt , wo ich schließlich als Sterbebegleiterin im ambulanten Hospizdienst tätig wurde . Die Erlebnisse und Erfahrungen, die ich dort sammeln konnte , haben mir gezeigt, wie erfüllend es für mich ist,  anderen Menschen eine Stütze zu sein und ihnen mit Empathie zur Seite zu stehen . Ich habe mich daraufhin auch in meiner Gemeinde verstärkt engagiert, dort zu Beginn die Bibellesungen im Rahmen des Gottesdienstes übernommen und später eine  Ausbildung zur Prädikantin gemacht, die es mir erlaubte,  Gottesdienste selbständig zu halten und auch Predigten bzw. Gleichnisse zu schreiben . In dieser Funktion erfuhr ich sehr viel Zuspruch und es war eine wunderbare Erfahrung, andere Mitmenschen in unterschiedlichstem Alter und Lebenssituationen zu erreichen und Ihnen eine Hilfe zu sein.

Neben diesen Ehrenâmtern hatte ich aber auch noch diverse Nebenjobs, mal als Moderatorin auf Messeveranstaltungen, als Sachbearbeiterin in einem Betreuungsbüro, als Besuchsdienst in einem Pflegeheim und später dann noch als Stationsassistenz auf der Kardiologiestation einer bekannten Berliner Klinik.

Mein Fazit .. Mit jedem Weg, den ich eingeschlagen habe, habe ich unschãtzbare Erfahrungen für mein Leben gesammelt. Wenn sich eine Tür geschlossen hat, hat sich eine andere wieder geöffnet .
Ich durfte erfahren, wie ein Ende immer auch die Chance auf etwas Neues in sich birgt und wie jede Erfahrung mein Leben wieder mehr bereichert hat.

CP: In 2003 standest Du als Sketchpartnerin von Hape Kerkeling auf der Bühne vor laufender Kamera. Wie bist Du die Sketchpartnerin geworden?

Lili Collins: In einer Zeit als Kleindarstellerin kam ich durch eine Fügung des Schicksals an diese Rolle mit Hape Kerkeling. Wir hatten zusammen eine Bettszene im Rahmen der Aids-Gala 2003 und das war eine riesen Herausforderungen für mich. Da ich bis dahin nie einen Freund oder gar eine Partnerschaft hatte und mit Zärtlichkeit oder Sex nicht mal ansatzweise vertraut war, war das schon eine immense Herausforderung, muss ich sagen (LACHT).

Aber es wurde eine wundervolle Zusammenarbeit und hat mir in der Konsequenz mehr Selbstvertrauen gegeben.

CP: Was hat dich letzlich zur Schauspielerei gebracht?

Lili Collins: Ich tauchte schon immer gern in Geschichten ein, und stellte mir oft vor, einer dieser Charaktere zu sein. Der spielerische Umgang mit Figuren (Pretend to be someone else) hat mich eigentlich mein ganzes Leben begleitet.

Aus diesem  Grunde habe ich schon in jungen Jahren für mich in meiner Imagination Figuren entwickelt, in denen ich in Gedanken gelebt habe. Dies hat mir oft geholfen, Dinge zu tun, die ich mir selbst nie zugetraut hätte.
Die Vorstellung, dies einmal im Film oder auf der Bühne ausleben zu können, fand ich daher extrem reizvoll.
Ich hatte ja schon früh große Schwierigkeiten in meiner Identitätsfindung bzw. mit meinem Selbstbild und habe es erst nach der Schauspielschule und einigen Therapien geschafft, mich selbst zu akzeptieren und mit mir im Einklang zu stehen.

Der Erfahrungsschatz durch meine vielen Berufe und meine eigenen Höhen und Tiefen im Leben erlauben es mir, mich in die unterschiedlichsten Figuren einzufühlen und in deren 'Leben' einzutauchen. Ich suche bewusst auch Grenzerfahrungen und beschäftige mich viel mit Biografien, was mir tiefe Einsichten in die menschliche Seele gebracht hat .

CP: Mit 35 Jahren hast du dann die Schauspielschule Berlin am Europäischen Theaterinstitut besucht.

 

Lili Collins: Das war der Wendepunkt in meinem Leben schlechthin, hat mich nachhaltig verändert und erst zu dem gemacht, was ich heute bin:

eine offene, selbstbewusste Person, die gerne unter Leute geht und gerne Neues ausprobiert.

CP: Wie war die Akzeptanz für Dich als Transfrau auf der Schauspielschule?

Lili Collins: Mein Dank gilt meinen damaligen Dozenten, die mich mit Nachdruck und mit ihrem Lob ermutigt haben, weiter zu machen.
Der Satz, der mir auf ewig in Erinnerung bleiben wird, ist, daß ich eine unglaubliche Bühnenpräsenz und eine Ausstrahlung hätte, die man nicht lernen kann. Etwas, was man eben hat oder nicht. Sie meinten, ich wäre ein echter Charakter, jemand der nicht austauschbar wäre, sondern nachhaltig hängen bliebe.
Tatsache ist, daß es mir im Laufe meiner Karriere immer wieder bestätigt zu werden schien. Es ist schon erstaunlich, dass ich heute noch gelegentlich auf der Straße angesprochen und erkannt werde und das, obwohl mein Film - und Fernseh-Portfolio über die Jahre ja bis jetzt sehr bescheiden geblieben ist.



CP:  3 Jahre lang hattest Du eine durchgehende Hauptrolle bei der RTL Produktion "Die Autoeintreiber". Danach kam ein Break.
10 Jahre liegen nun dazwischen.
Du hast jetzt wieder
den Mut gefunden nach vorne zu gehen. Was ist passiert?

Lili Collins: Der Break kam eigentlich nachdem eine Reihe von Dingen in meinem Leben passiert sind, die mich ganz schön aus der Bahn geworfen haben. Irgendwann habe ich therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, um wieder neuen Lebensmut zu gewinnen.
Und allmählich habe ich mich dann immer mehr getraut, nach vorne zu schauen und aus dem Loch herauszukriechen. Ich habe mir gesagt "Hey Lili, dein Leben bietet dir die Chance, noch so viel Schönes zu erleben". Ich fing wieder an, meinen Hobbies nachzugehen und das zu machen, was ich am meisten liebe und was mich erfüllt...  Rollen-Arbeit.
Dabei fühle ich mich nicht nur in die Figuren ein, sondern versuche, deren Erfahrungen wirklich nachzuerleben, beschäftige mich intensiv mit aktuell lebenden und auch historischen Persönlichkeiten und suche Aspekte in meinem Leben und meinem Wesen, die gewisse Parallelitäten, aber auch Gegensätze aufweisen.
Die größte Inspiration ist doch das Leben selbst und ich finde nichts Spannenderes, als mich durch die Biografien Anderer inspirieren zu lassen, Faszetten zu erleben und Gefühle zu erforschen, die mir sonst in meinem Leben verwehrt bleiben würden.

CP: Welche Rollen würdest Du gerne verkörpern?

Produktion Welcoming Out, 2024

Lili Collins: Am liebsten komplexe Figuren, die sich von mir stark unterscheiden. Ich liebe nunmal Herausforderungen.
Ich möchte ja nicht nur spielen, sondern in das Leben und die Erfahrungen der Figur eintauchen, dass ich quasi zu dieser Person werde.  

Ich finde aber auch Rollen reizvoll, die fragile Figuren z.b. eine Alkoholikerin oder  eine gescheiterte Existenz zeichnen, Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, sich vielleicht ausgegrenzt und allein fühlen oder Angst vor Verlust erleben. Da könnte ich auch viele Gefühle aus meinem eigenen Leben mit einfließen lassen.


Im Gegensatz dazu kann ich mir auch gut starke Charaktere vorstellen, Macherinnen, die mit beiden Beinen im Leben stehen.
Beispielsweise eine polizeiliche Ermittlerin/Profilerin, Leiterin einer Einrichtung, Führungskraft etc. Umso vielschichtiger die Figur ist, umso besser. Auch eine rücksichtslose Schurkin finde ich durchaus interessant.


Aufgrund meines Stimmumfanges und meiner Lebensgeschichte kann ich sowohl männliche, weibliche als auch queere Charaktere bedienen. Mein wandelbares Äußeres befähigt mich auch für reine Hosenrollen.
Ich kenne ja beide Welten und weiß wie Männer und Frauen 'ticken' .

Kommen wir zu meinem großen Wunschtraum.
Ich liebe den anspruchsvollen deutschen Arthouse- Film, insbesondere die Neue Berliner Schule. Werke eben, die noch echte Geschichten aus dem Leben erzählen.
Meine Favorites liegen da bei Autorenfilmen, insbesondere von Christian Petzold, den ich sehr verehre, Oskar Röhler, Nicolette Krebitz, Margarethe von Trotta oder auch Fatih Akin, um einige zu nennen.
Mit einem oder einigen dieser Regisseure zusammenarbeiten zu dürfen, wäre für mich ein Lebenstraum. Viele Geschichten der genannten Personen haben mich sehr beeinflusst und meine Liebe zum anspruchsvollen Schauspiel geweckt.

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